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Kurvenbalance

Wie bremse ich richtig auf dem Motorrad?

Was muss ich beim Bremsen beachten?

Die Bremse und richtige Bremstechnik ist unser wichtigstes Backup beim Motorradfahren. Trotzdem herrschen rund um das Thema viele Missverständnisse oder Gerüchte. Einige davon möchte ich hier thematisieren: 

Wie erreiche ich die maximale Verzögerung? 

Ist ABS besser als ohne?

Kann man in der Kurve bremsen? 

Vorder- oder Hinterradbremse? 

Welche Körperhaltung beim Bremsen? 

Ist Trailbraking auf der Straße unbrauchbar? 

In diesem Artikel schauen wir uns die Details dahinter Schritt für Schritt an. 

Wie stark bremst der normale Motorradfahrer? 

Studien des Instituts für Zweiradsicherheit und der Unfallforschung der Techn. Universität München zeigen, dass viele Motorradfahrer in Schreckmomenten ihre Bremsleistung nicht voll ausnutzen.  

Im Schnitt wird bei Unfällen oder vor einem Aufprall nur 60-70% der möglichen Verzögerung tatsächlich aufgebracht. Grund dafür ist unter anderem die abweichende Wahrnehmung über die maximal mögliche Verzögerung, sowie eine innere Hemmschwelle mit der unbewussten Intuition sich an den maximalen Bremsdruck herantasten zu wollen, um einen Überschlag oder das Blockieren der Räder zu vermeiden. 

Dabei ist Geschwindigkeitsabbau durch schnelles, kraftvolles Bremsen oft die oberste Priorität.  

Das zeigt auch, die meisten von uns könnten deutlich stärker bremsen, als man zunächst annehmen würde. Deshalb lohnt es sich, Notbremsungen regelmäßig an einem geeigneten Ort zu trainieren und sich genauer mit dem Thema zu beschäftigen. 

Wie erreicht man die maximale Verzögerung? 

Eine kraftvolle Bremsung besteht nicht aus einem ruckartigen Griff in den Bremshebel. 

Der Bremsdruck sollte zwar schnell, aber progressiv aufgebaut werden. 

Progressiv bedeutet: 

  • Bremse gefühlvoll anlegen
  • Den Bremsdruck kontinuierlich, aber schnell erhöhen
  • Erst kurz vor dem Stillstand den Druck wieder reduzieren 

Durch den anfänglich sanfteren Bremsdruck kann sich die Vorderradgabel setzen. So wird ausreichend Last auf das Vorderrad übertragen und der Reifen kann seine maximale Bremskraft aufbauen. 

Ein zu abruptes Ziehen am Hebel kann dagegen zum Blockieren oder zum frühen Eingreifen des ABS führen. 

Ebenso wichtig ist die richtige Körperhaltung während des Bremsvorgangs.

Unterschiede beim Bremsen durch ABS

 
Vollbremsung ohne ABS

Ohne ABS ist das richtige Gefühl am Bremshebel deutlich wichtiger als mit ABS. Das Ziel ist es, möglichst nahe an die Haftungsgrenze zu bremsen, ohne sie zu überschreiten. 

Deshalb ist es hier besonders entscheidend: 

  • Bremsdruck progressiv aufbauen und erhöhen
  • Wenn genügend Gewicht auf dem Vorderrad liegt, kann der Reifen hohe Bremskräfte übertragen
  • Wer sofort voll zugreift, überfordert den Reifen, bevor genügend Last auf ihm liegt 
 
Vollbremsung mit ABS 

ABS verhindert das Blockieren der Räder. Dabei überwacht das System permanent die Raddrehzahlen und reduziert den Bremsdruck kurzzeitig, sobald ein Rad zu blockieren droht. Dadurch bleibt das Motorrad stabil. 

Bei einer Vollbremsung mit ABS gilt deshalb: 

  • Progressiv ist physikalisch effizienter, aber im Ernstfall lieber zügig und kraftvoll, statt zu zaghaft die Vorderbremse betätigen. Das ABS übernimmt die Druckregelung.
  • Bremsdruck halten, während das ABS regelt. Das Pulsieren im Bremshebel zeigt nur, dass das ABS richtig arbeitet. 
 
Kurven-ABS

Gerade moderne Motorräder mit schräglagensensitivem ABS ermöglichen heute deutlich höhere Sicherheitsreserven als viele Fahrer vermuten. Das Steuergerät kennt u.a. Schräglage, Nickbewegung, Raddrehzahlen, teilweise Beschleunigungen und Verzögerung.  

Schon bevor ein Rad blockieren würde, erkennt das System:

  • Jetzt wird die Haftungsgrenze erreicht. Dann reduziert es den Bremsdruck minimal. Das Rad blockiert im Idealfall nicht und bremst annähernd so stark, wie es für diese Fahrsituation maximal möglich ist.  
  • Das Kurven-ABS verhindert also, dass der Reifen seine Haftung verliert.  Es verändert jedoch nicht die physikalischen Kräfte, die beim Bremsen entstehen.  
  • Deshalb wird sich auch ein Motorrad mit modernem Kurven-ABS beim Bremsen in Schräglage leicht aufrichten. 
 
ABS auf der Rennstrecke 

Das übliche Straßen-ABS ist auf der Rennstrecke bei ambitionierten Fahrern kaum noch zu finden. Die meisten steigen auf Race-ABS um, oder verzichten komplett auf ABS-Systeme.

Nicht, weil es unbedingt schlechter bremst, sondern weil sie jede Bremskraft selbst dosieren möchten. Selbst moderne Renn-ABS-Systeme filtern und interpretieren die Eingaben des Fahrers. Dadurch geht ein kleiner Teil der direkten Rückmeldung verloren.

Außerdem möchte ein Rennfahrer auch Situationen nutzen, in denen ein Straßen-ABS eingreifen würde: ein leicht steigendes Hinterrad, minimales Schlupfverhalten oder bewusstes Trailbraking bis an die Haftungsgrenze.

Diese Eingriffe kosten auf der Rennstrecke unter Umständen Zehntelsekunden, erhöhen die Sicherheit auf der Straße aber erheblich. 

Bremsen in der Kurve – gefährlich? 

Oft hört man den Satz: „In der Kurve soll man nicht bremsen – wenn dann nur mit der Hinterradbremse“ 

Technisch ist diese Aussage falsch! Ein Motorrad kann selbstverständlich auch in Schräglage bremsen. 

Allerdings stehen dem Reifen verringerte Haftungsreserven zur Verfügung. Während der Kurvenfahrt übernimmt der Reifen bereits Seitenführungskräfte. Kommt zusätzlich Bremskraft hinzu, muss der Reifen beide Aufgaben gleichzeitig erfüllen. 

Je stärker gebremst wird, desto weniger Reserven bleiben dem Reifen (interner Link) für die Kurvenfahrt und umgekehrt. 

Die oberste Priorität in einer Gefahrensituation lautet aber oft: 

Geschwindigkeit reduzieren!

Wenn man doch mal zu schnell für eine zuziehende Kurve ist, plötzlich Wild kreuzt oder ein sehr langsames Fahrzeug auf der Straße auftaucht. 

Geschwindigkeit fast immer der größte Risikofaktor. Dann ist Bremsen oft die richtige Entscheidung.  

 

Auch oft gehört: Das Motorrad richtet sich beim Bremsen doch auf” 

Ja, es ist richtig, dass sich das Motorrad beim Bremsen in Schräglage aufrichten möchte. Dafür gibt es mehrere Ursachen. 

Kurz erklärt, ist eine normale Folge der physikalischen Kräfte, die beim Bremsen in Schräglage entstehen:

  • Zum einen verändert die Bremskraft die Kräfteverteilung am Vorderrad. 
  • Zusätzlich beeinflusst auch die Reifenkontur dieses Verhalten. 
  • Je stärker die Bremsung, desto stärker das Aufstellmoment.
  • Je größer die Schräglage, desto deutlicher bemerkst du den Effekt.
  • Je nach Motorrad und Reifen fällt dieser Aufstelleffekt unterschiedlich stark aus.  

Mit dem richtigen Impuls am Lenker und einer guten Körperhaltung kannst du das Aufrichten aber größtenteils ausgleichen!

Grundsätzlich bleibt also beides gleichzeitig möglich: Bremsen und Ausweichen, bzw. Linie halten!  

Einfluss darauf nehmen aber ebenso die richtige Körperhaltung aber auch welche Bremse (Scroll) du benutzt. 

Körperhaltung beim Bremsen  

  • Beine zusammendrücken und Tank einklemmen
    • Dadurch stützt sich der Körper über die Beine ab und du kannst deine Arme etwas entlasten, um die Gabel besser arbeiten zu lassen. 
  • Oberkörper
    • Spannung über Bauch und Rückenmuskulatur halten, um die Arme leichter entlasten und den Lenker bedienen zu können.
  • Füße
    • Fußballen stabil auf die Rasten stellen.

Vorder- oder Hinterradbremse? Unterschiede in der Praxis!

Vorderradbremse

Sobald du bremst, verlagert sich das Fahrzeuggewicht nach vorne. 

Dadurch kommt mehr Druck und Aufstandsfläche auf den Vorderreifen und es kann deutlich mehr Bremskraft übertragen als auf das Hinterrad, welches im selben Moment entlastet wird. 

Deshalb entstehen bei einer starken Bremsung etwa 70–100 % der tatsächlichen Verzögerung über die Vorderbremse. 

Blockiert jedoch das Vorderrad, verliert der Reifen seine Haftung und das Motorrad kann plötzlich unkontrollierbar wegrutschen. Gleichzeitig bringt die Vorderradbremse das größere Aufstellmoment (Scroll) mit sich. 

Hinterradbremse

Blockiert das Hinterrad, bleibt das Motorrad erstmal kontrollierbar. Es kann dabei aber zum Ausbrechen des Hecks führen und beim plötzlichen Lösen der Bremse zu einem sogenannten Highsider kommen.  

Die Hinterradbremse trägt hauptsächlich zur Stabilisierung bei und unterstützt die Verzögerung, sofern noch Bodenkontakt besteht. Auf der Rennstrecke kann ein leicht blockierendes Hinterrad aber auch dabei helfen, das Motorrad in die Kurve einzudrehen. 

 

Also: Je stärker die Verzögerung, desto wichtiger wird die Vorderbremse. Sie ist ausschlaggebend für den Geschwindigkeitsabbau verantwortlich. Die Hinterradbremse kann helfen, ist aber deutlich weniger für die Verzögerung zuständig.

Trailbraking – auf der Straße unbrauchbar? 

Beim sogenannten Trailbraking wird die Bremse bewusst bis in die Kurve, bzw. den Scheitelpunkt hinein genutzt und der Bremsdruck während des Einlenkens langsam reduziert. 

Diese Technik stammt ursprünglich aus dem Rennsport. 

Sie kann helfen, den Kurvenradius zu verkleinern, den Druck auf das Vorderrad zu erhöhen und einen späteren Bremspunkt zu wählen. 

Trailbraking ist eine interessante Fahrtechnik und kann für Notsituationen auf der Straße sehr nützlich sein. Sie erfordert jedoch gezieltes Training bei spätem Bremsen, sowie ein gutes Gefühl für Reifenhaftung und Lastwechsel.

Deshalb sollte diese Technik ausschließlich auf der Rennstrecke trainiert werden. Trailbraking ersetzt auch keine saubere Kurvenvorbereitung.

Für den normalen Straßenverkehr ist deshalb sinnvoll: 

  • Geschwindigkeit vor der Kurve anpassen
  • Bremse lösen
  • Stützgas anlegen
  • Kurve sauber und entspannt durchfahren

Die häufigsten Bremsfehler:

  • Vollbremsung nicht ausreichend trainiert und angewendet
  • Nur mit der Hinterradbremse bremsen 
  • Zu hektisch und plötzlich am Bremshebel ziehen 
  • Kupplung zu früh ziehen und dadurch die Motorbremse verschenken
  • Verkrampfte oder zu weiche Körperhaltung während der Bremsung

Fazit 

Eine gute Bremstechnik basiert auf vier Grundprinzipien: 

  • Bremsdruck progressiv aufbauen
  • Vorder- und Hinterradbremse sinnvoll einsetzen
  • Das eigene Motorrad regelmäßig durch Bremsübungen kennenlernen
  • Verständnis für Lastverlagerung, Reifenhaftung und Bremskraft
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Quellen:

Essen: Institut für Zweiradsicherheit e.V. [ifz] (2026). Grenzen der Wahrnehmung – Schätzung und Realität von Bremswegen. Verfügbar unter: https://www.ifz.de/grenzen-der-wahrnehmung-ifz-studie-2025/

 
München: Sporner, A. (2013). Unfallstruktur-Analyse von Motorradunfällen und das Potenzial von Fahrerassistenzsystemen.  Technische Universität München (mediaTUM). 

Über den Autor

Benzin im Herzen, Balance im Kopf

Ich bin Samuel und ein leidenschaftlicher Motorradfahrer, Instruktor und Pädagoge.

Ich begleite Menschen mit meinem Ansatz Kurvenbalance auf ihrem ganz eigenen Weg zu mehr Fahrfreude, Vertrauen und innerer Ruhe auf zwei Rädern.